Stadtentwicklung – Wohnungsbau
Bergisch Gladbach baut — aber für wen?
Eine Bestandsaufnahme vor der Sitzung im Juli
26. Juni 2026 · 7 Minuten Lesezeit · Die Bürgerinitiative fragt
Bergisch Gladbach steht vor der größten Stadtentwicklungsdebatte seit Jahrzehnten. Gleich mehrere große Projekte werden derzeit diskutiert oder befinden sich in der Umsetzung. Hauptargument: Wir brauchen Wohnraum. Der Stadtplanungsausschuss trifft im Juli eine Entscheidung über das sogenannte „Strundorfer Monster“ am Strundepark.
Höchste Zeit, die Gesamtlage nüchtern zu betrachten: Was wurde in den letzten Jahren wirklich gebaut? Was fehlt noch? Und was bedeuten die aktuellen Projekte am östlichen Stadteingang für die Menschen, die dort wohnen?
Die Ausgangslage: Wohnungsnot ist keine Übertreibung
Der Wohnungsmarkt in Bergisch Gladbach ist seit Jahren sehr angespannt. Für bestimmte Bevölkerungsgruppen — vor allem geringverdienende Alleinerziehende und Singles — ergibt die Analyse des Wohnungsmarktes so gut wie keine Angebote mehr: zwischen 0 und 6 Prozent Deckung mit dem Angebot auf dem Mietmarkt. Für diese Bevölkerungsgruppen besteht ein faktischer Wohnungsnotstand.
Das ist kein Bürgerprotest-Vokabular — das ist die offizielle Einschätzung der Stadtverwaltung selbst, festgehalten im Baulandbeschluss von 2023. Der Bestand an geförderten Wohnungen wird in den kommenden Jahren um die Hälfte sinken, wenn nicht der Neubau geförderter Wohnungen forciert wird. Daher wurde ein Baulandbeschluss gefasst, um bis zum Jahr 2035 den ermittelten Bedarf von 800 geförderten Wohnungen im Stadtgebiet zu realisieren.
Die Mietpreise in Bergisch Gladbach sind auf durchschnittlich 11,13 €/m² gestiegen — ein Zuwachs von etwa 4,3 Prozent binnen eines Jahres, deutlich über dem deutschen Durchschnitt. Der Beigeordnete Ragnar Migenda hat es klar formuliert: Die Stadt benötige jährlich Baugenehmigungen für 300 bis 400 Wohneinheiten im sozialen Wohnungsbau
Was gebaut wird — und was nicht
Zanders-Areal:
Das bei weitem größte Projekt der Stadt. Auf dem 36 Hektar großen Industrieareal der ehemaligen Papierfabrik sollen Wohnraum für rund 2.900 Menschen und ebenso viele Arbeitsplätze entstehen. Von Anfang 2025 bis voraussichtlich Mitte 2026 wird an einer Entwicklungsplanung gearbeitet. Erste Wohnungen: frühestens nach 2028, wahrscheinlich später.
Wachendorff-Gelände (Gronau):
Ursprünglich als baldige Entlastung gedacht — 450 bis 500 Wohneinheiten. Realität 2026: Der Investor steht im Zusammenhang mit einer insolventen Gesellschaft, Zwangsversteigerung frühestens 2028. Der Wachendorff-Investor hat seine Vorarbeiten für eine Genehmigung des Wohnungsbau-Projektes so gut wie eingestellt. Auch hier: keine Wohnungen in absehbarer Zeit.
Mit der Bebauung des Zanders- und des Wachendorff-Geländes sollen in den nächsten 20 Jahren über 2.000 neue Wohneinheiten entstehen — so die Grünen-Fraktionsvorsitzende Theresia Meinhardt. Zwanzig Jahre. Das beantwortet die Frage nach dem akuten Wohnungsnotstand nicht.
Was an der Hauptstraße 378 gebaut wird
— und warum das die Lage verschlechtert:
Das Gebäude Hauptstraße 378 stand jahrelang leer und ist inzwischen abgerissen. Ein Neubau entsteht — ursprünglich für kleine Wohneinheiten geplant, nun von der Stadt als Gemeinschaftsunterkunft für bis zu 100 Geflüchtete angemietet. Nur vier Tage nach Eingang des Angebots lief bereits ein Genehmigungsverfahren. Das ist keine Wohnraum-Schaffung. Das ist Notlösungs-Management.
Direkt gegenüber dem Strundepark, am Kreisverkehr, entsteht dieses Gebäude — zur selben Zeit, in der die Mauer an der Kürtener Straße saniert wird. Und nun soll an genau dieser Stelle das „Strundorfer Monster“ gebaut werden: ein Wohnriegel für Hunderte neue Bewohner, die alle dieselbe bereits überlastete Straße benutzen müssen.
Was das Monster tatsächlich an Wohnraum schüfe
— und für wen
Der Baulandbeschluss der Stadt schreibt vor, dass mindestens 30 Prozent jedes größeren Projekts als Sozialwohnungen realisiert werden müssen. Beim Monster wären das vielleicht 30 bis 40 geförderte Einheiten. Bei einem Bedarf von 800 geförderten Wohnungen bis 2035 ist das — nüchtern betrachtet — ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Die Menschen, die wirklich günstigen Wohnraum brauchen, würden im Monster an der lautesten, abgasbelästetsten, hochwassergefährdetsten Ecke der Stadt wohnen — mit LKW-Lieferverkehr im Rücken und 70 bis 75 Dezibel Dauerlärm von der Kürtener Straße. Das ist keine Lösung der Wohnungsnot. Das ist ihre Verschiebung an einen Ort, wo sie noch größere Probleme schafft.
Die eigentliche Frage: Wo sollte gebaut werden?
Was ist mit dem Wachendorff-Gelände, das seit langer Zeit brachliegt? Was ist mit der Marktkauf-Ruine? Was ist mit freien Flächen wie der Ecke Odenthaler Straße / Rommerscheider Straße? Das sind keine rhetorischen Fragen — das sind dokumentierte Alternativstandorte, die bisher nicht ernsthaft verglichen wurden.
Was der Ausschuss im Juli entscheiden muss
CDU, SPD, Grüne und Volt lehnen das Projekt in seiner aktuellen Dimension ab — sind aber grundsätzlich nicht gegen eine Bebauung der Parkplatzfläche. Die Politik sucht einen Kompromiss bei der Dimension — dabei ist die Dimension nicht das Kernproblem. Das Kernproblem ist der Standort selbst: im engsten Talquerschnitt, auf der letzten Kaltluftschneise, im nachweislich überschwemmungsgefährdeten Bereich.
Ein „reduziertes Monster“ löst keines dieser Probleme. Es macht sie kleiner — aber es beseitigt sie nicht.
Die Frage, die im Juli gestellt werden muss, lautet nicht: „Wie groß darf es sein?“ Sie lautet: „Warum hier, wenn die Probleme standortbedingt sind und bessere Alternativen existieren?“
Petition: openPetition.de — Suche: „Strundorfer Monster“ — läuft bis September 2026
Kontakt Bürgerinitiative: buergerinitiative@strundetaler.de
Die Strundorfer Bürgerinitiative hat sich als Reaktion auf den geplanten Bau eines Studenten-/Asylbwerberwohnheimes gegründet – ohne Sozialflächen, ohne Parkplätze, ohne Gesamtkonzept.